Achtung Aufnahme!

Ein Kind hat einen Wunsch: Es will Klavier spielen lernen. Unsere Familie hat einen Jungen und ein Mädchen. Welches der beiden Kinder ist es wohl, das Klavier spielen lernen will?

Gestatten Sie mir einführend einen kurzen Ausflug in den Bereich der sozialkritischen Hirnforschung: Meistens sind es die Mädchen, die den Jungs in der Entwicklung einen (großen) Schritt voraus sind und sich daher schon früh mit feinmotorischen Angelegenheiten beschäftigen (können). Die Hirnforschung hat den Grund dafür ermittelt:

Männer verfügen im Vergleich zu Frauen über mehr Muskeln. Der Stoff, der das Wachstum von Muskeln auslöst, ist das Hormon Testosteron. Mehr Muskeln brauchen aber mehr Bewegung und längere Zeit, um im Motorischen Zentrum ausreichend vernetzt werden zu können. Daher brauchen die Buben anfangs mehr grobmotorische Bewegungen und insgesamt mehr Zeit für ihre gesunde Entwicklung als die Mädchen.

Seitens der Erzieher wäre die richtige Antwort auf dieses Entwicklungsphänomen, den Jungs entsprechende Bewegungsangebote sowie den nötigen Zeitraum anzubieten. Aber im Zuge des längst nicht mehr in die Zeit passenden Konkurrenzkampfes haben weltweit zahlreiche Nationen beschlossen, das Gegenteil zu forcieren. Dabei ist die Anzahl keine Bestätigung der Richtigkeit, sondern vielmehr ein Hinweis darauf, dass diese Länder unter einem enormen Druck zu stehen scheinen, bzw. aus historischen Gründen eine hohe Bereitschaft vorhanden ist, sich gnadenlos einem selektierenden Wettlauf zu unterwerfen. Denn wenn wir nicht nur den Buben sondern letztendlich auch den Mädchen dringend benötigte Entwicklungszeit nehmen, liefern wir den Kontext für den nachfolgend stattfindenden Kollateralschaden (Begleitschaden) eines Wettbewerbs im Sinne Darwins:

  • Da das Gehirn ja gerade in den jungen Jahren so plastisch und daher ungeheuer lernfähig ist, sollen Kinder bereits im Kindergarten die erste oder am besten gleich die zweite Fremdsprache lernen. Unser Gehirn ist aber weder ein isoliertes Organ noch ein biologischer Chip. Das Gehirn ist Teil einer Person, die einen natürlichen Bezug z.B. in Form einer Anforderung durch eine entsprechend sich artikulierende Umgebung braucht, um die so entstehende Anforderung im Sinne einer Herausforderung als normal annehmen zu können. Anschließend wird die Person all ihre Potenziale aktivieren, um die geforderte Leistung erbringen zu können. Den Beweis für ihre Selbstlernkompetenz unter natürlichen Bedingungen haben die kleinen Persönlichkeiten bereits durch das Erlernen nicht nur des Sprechens, sondern des damit verbundenen Erlernens ihrer Muttersprache sowie beim Lernen des aufrechten Gangs bewiesen. Beide Lernprozesse wurden durch den Umstand ausgelöst, dass Bezugspersonen zu Vorbildern wurden, die sprachen bzw. sich auf 2 Beinen aufrecht bewegten. Das anschließende Lernverfahren bestand lediglich aus Nachahmen sowie Versuch und Irrtum auf der Basis einer hohen Fehlertoleranz. Doch diesen gar nicht so schweren Zusammenhang zwischen Motivation und Leistung ignorieren wir und behandeln Kinder nicht wie individuelle, höchst komplexe Persönlichkeiten, sondern wie Maschinen ohne Psyche und Geist.
  • Die auf den Kindergarten folgende Zeit in der Grundschule unterliegt aktuell dem massiven Druck, sich für das Gymnasium qualifizieren zu müssen. Alle Kinder müssen heute studieren, da die bereits erwähnten Maschinen (und Computer) in naher Zukunft die Routinejobs als Grundlage einfacher Tätigkeiten übernehmen werden.
  • Im Gymnasium selbst raubt man den Kindern mit dem G8 und der damit verbundenen Reduzierung der zum Erreichen des Ziels zur Verfügung stehenden Jahre schon wieder Zeit und erhöht somit den Druck um eine weitere Stufe.

Weltweit befinden sich die Gesellschaften in einem Hochgeschwindigkeitsrausch und sind außerstande, zu bemerken, was sie mit den eigenen Kindern für eine Katastrophe anrichten. Dabei hätten wir eine Wahl: Wir müssen nicht mit Ländern in einen Erziehungswettlauf treten, die bereits berichten, dass die Selbstmordrate unter Kindern und Jugendlichen dramatisch steigt (China). Wir könnten auch Finnland als Vorbild nehmen:

  • Spätere Einschulung
  • Prüfungen erst ab der Pubertät, wenn man nämlich mit Stress besser umgehen kann
  • Nur die besten Bewerber dürfen Lehrer werden
  • ...

Kehren wir zurück zu der Familie unseres Hörbeispiels: Hier ist es ausnahmsweise der Junge, der den Wunsch geäußert hat, Klavier spielen lernen zu wollen. Seine Klavierlehrerin geht sensibel auf ihn ein. Daher spielt der Junge eigenmotiviert, auswendig, Ludovico Einaudi – selbst am verstimmten Klavier.

Einaudi verstimmt

Bei dem Klavier aus diesem Hörbeispiel handelt es sich um ein Kleinklavier der Marke Euterpe. Es wurde in Langlau (Mittelfranken) hergestellt. Euterpe ist das Musterbeispiel einer Marke, die mehr Hülle als Inhalt ist. Aktuell gehört die Marke der Bechstein-Gruppe Berlin und die Klaviere kamen inzwischen aus Tschechien sowie aus dem fernen Indonesien.

Euterpe Kleinklavier offen

Doch unser Klavier ist noch Made in Germany. Es hat sogar eine Renner-Mechanik, die man als Hinweis verstehen darf, dass sich der Hersteller noch des Begriffs Qualität bewusst war. Aber die Qualität litt schon längere Zeit unter dem seltsamen Ehrgeiz, immer niedrigere Klaviere bauen zu wollen. Es ist leicht nachvollziehbar, dass ein kleinerer Klangkörper keinen besseren Klang erzeugen kann, und dass eine Mechanik unter minimalen räumlichen Verhältnissen all den kleinen Hebeln in ihr nur noch den geringstmöglichen Spielraum zur Verfügung stellen kann.

Renner-Mechanik im Kleinklavier von Euterpe

Ein weiterer Hinweis auf das Bemühen um Qualität ist die so genannte Bass-Brücke. Sie ist rechts unten auf dem Resonanzboden zu sehen. Es handelt sich um eine konstruktive Maßnahme zur Optimierung des Klangs. Und zwar wird der Saite durch eine Positionierung des Stegs möglichst nah am Rand des Resonanzbodens eine gute Länge gegeben.

Die Länge ist vor allem für die Bass-Saiten ein ausschlaggebendes Qualitätskriterium. Eigentlich müssten die Saiten für die außergewöhnlich tiefen Töne nämlich viel länger sein. Doch derart große Instrumente sind in mehrfacher Hinsicht ein Problem. Auf der Suche nach einer Lösung kam man auf die Idee, den Kerndraht mit einem schweren Draht zu umwickeln. Dadurch schwingt die Saite langsamer und erzeugt die erwünschte tiefe Frequenz.

Aber Konzertflügel sind zum einen 3 m lang, um über den großen Resonanzboden größere Hallen mit mehr Publikum beschallen zu können. Zum anderen sind Konzertflügel so lang, um eben den Bass-Saiten möglichst viel Länge geben zu können. Über die Länge der Saiten im Bass will man sicherstellen, dass die Töne von möglichst hoher Qualität sind. Die tonliche Qualität ist im Bass nicht so einfach zu erreichen. Aufgrund der Konstruktion der einzelnen Saite (Kerndraht mit Umwicklung) sind die Töne oft in sich unrein und somit schwer zu stimmen bzw. eben nicht mit allen Intervallen im Bass in Übereinstimmung zu bringen. Um bezüglich der Klangqualität sowie der Stimmbarkeit also das bestmögliche Ergebnis zu erreichen, baut man für den Einsatz im Konzertsaal möglichst lange Pianos. Denn im Konzert geht es ja um die Höchstleistung der klassischen Musik, erbracht von darauf spezialisierten Pianistinnen und Pianisten.

Da kann das Klavier selbst mit einer Höhe von 1,50 m nicht mithalten. Je niedriger das Klavier, desto ungünstiger die Bedingungen für die Saiten im Bass. Daher kam irgendwann ein mir unbekannter Klavierbauer auf die Idee einer Bass-Brücke, deren Funktion ich gleich noch vollständig erläutern werde. Die Kollegen des Erfinders sahen die Neuigkeit und kopierten diese, wie das Anfang 1900 vor allem in Deutschland üblich war. Zu dieser Zeit durften wir noch kopieren. Daher konnten wir es auch so gut, dass wir von den Engländern als Mittel zu einer (abwertenden) Unterscheidung zwischen Original und Kopie das Label Made in Germany bekamen, aus dem erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine Qualitätskennzeichnung wurde.

Zurück zu unserem Kleinklavier: Doch gleichzeitig zur Optimierung der Länge der Saiten im Bass durch die Positionierung des Stegs nah am Rand des Resonanzbodens wird über die Bass-Brücke die Auflagefläche des Stegs auf dem Resonanzboden vom Rand weg verlagert. Diese Maßnahme basiert auf der Überlegung, dass der Resonanzboden am Rand weniger gut schwingt. Positioniert man die Auflagefläche des Stegs etwas weiter vom Rand entfernt, erreicht man somit einen besseren Klang für den davon betroffenen Steg.

Bassbrücke im Kleinklavier von Euterpe

Wenn ich das Klavier vor dem Stimmen zur Probe spiele, um es näher kennenzulernen, dann höre ich,

  • natürlich die Verstimmung, die vor allem im Diskant (Stichwort Spreizung) stärker ist;
  • Nebengeräusche vom Pedal sowie
  • Nebengeräusche von der Mechanik.
Euterpe verstimmt

Das Probespiel nach der Stimmung ergibt, dass die Klavierstimmung passt, aber jetzt kommen die Nebengeräusche erst so richtig gut zur Geltung. Nachdem die Verstimmung beseitigt ist, gehört unsere Aufmerksamkeit den reichhaltigen Nebengeräuschen.

Euterpe gestimmt

Also kümmere ich mich nun um die Klaviermechanik und suche auch beim Pedal nach den möglichen Ursachen, um diese abzustellen. Danach erfolgt das abschließende Probespiel. Aber ausgerechnet jetzt steht die Tochter mit einem Spielzeug neben mir, das heftige Geräusche macht. Die Situation will mir etwas sagen. Noch kenne ich die Botschaft nicht. Daher nehme ich mich selbst einfach mal nicht so ernst und spiele weiter. Im letzten Drittel der Aufnahme ist es dann endlich zu hören: Die Nebengeräusche sind tatsächlich weg!

Achtung Aufnahme!

Einige Tage später denke ich wieder an die Szene. Und mir kommt der Gedanke, dass ich die Aufnahme als einen eigenen Vorgang besser inszenieren könnte. Schließlich befinde ich mich beim Klavierservice ja nicht nur am Klavier sondern quasi auf einer Bühne. Dort wäre die für alle wahrnehmbare Ankündigung Achtung Aufnahme! durchaus angebracht. Bislang erstelle ich die Aufnahmen eher nebenbei. Sie dienen zuerst einmal mir selbst als ein Feedback-Instrument meiner Bemühungen und somit als Auslöser für weiterführende Lernprozesse. Die Tatsache, dass ich über zwei inhaltlich identische Aufnahmen vor und nach der Stimmung zwei miteinander vergleichbare Aufnahmen erstelle, beinhaltet für mich gleichzeitig eine optimale Motivation. So wird für den Außenstehenden verständlich, mit welcher intrinsischen Motivation im Sinne einer Berufung ich mich um das Erreichen des scheinbar Unmöglichen jedoch gleichzeitig wünschenswerten, im Rahmen des Klavierservice vor Ort maximal Möglichen bemühe. Der Schritt, die Aufnahme selbst also in den Klavierservice und das heißt genau genommen, in die Inszenierung meines komplett transparenten Klavierservice zu integrieren, ist scheinbar längst überfällig. Das ist es wohl, was ich zur Optimierung meiner Dienstleistung aus diesem Erlebnis lernen kann.